Warum sind Nachts eigentlich alle Katzen grau ? (NightSky-Ausgabe 4/2001) 
von Christoph Lohuis
Na, wissen Sie´s ? Wenn nicht, so habe ich die Zeit für diesen Artikel wenigstens nicht umsonst investiert. Doch was hat diese Fragestellung eigentlich mit unserem Hobby Astronomie gemeinsam? Neben Teleskopen, Equipment und theoretischen Formeln sind unsere menschlichen Augen wohl das primäre Instrument zur Beobachtung. Schnell vergessen wir das erst unser Auge alle vom Teleskop gesammelten Informationen aufnimmt und unser Gehirn die eintreffenden Daten interpretiert. Grund genug auch diesem Beobachtungsinstrument einmal über die Schulter zu schauen. 
 
Ein wenig Anatomie und Physiologie

Zu Beginn möchte ich ein wenig auf den Aufbau und die Funktionsweise der Augen eingehen. Damit Sie in Ihrer nächsten Astronomierunde prahlen können, sprechen Sie einfach von Anatomie und Physiologie und schockieren so ihr gegenüber. Der schematische Querschnitt zeigt die wichtigsten Komponenten des Auges. Einige Begriffe dürften bekannt sein oder sind Ihnen bereits schon einmal zu Ohr gekommen. Die Bilderzeugung im Auge funktioniert wie in einer Kamera. Das einfallende Licht wird an Hornhaut sowie Linse gebrochen, wobei letzteres die wichtigere Komponente darstellt. Im Gegensatz zur Linse eines Refraktors, ist die Linse des menschlichen Auges  kein fester Körper. Sie kann ihre Brechkraft variieren, indem Muskeln die Linse in die Länge ziehen. So kann der Mensch in Bruchteilen einer Sekunde von Fern-/ auf Nahbeobachtungen und umgekehrt umschalten. Auf die Intensität des Lichtes reagiert die Iris oder Regenbogenhaut, die den Durchmesser der Pupille definiert. Ist genügend Licht vorhanden wird die Pupille verkleinert, im entgegengesetzten Fall vergrößert. Dieses Prinzip kennt jeder Fotograf mit dem Begriff der Blende.

 

Die Adaption des Auges

An dieser Stelle kommt es häufig zu Mißverständnissen. In vielen Fällen wird die Pupillenvergrößerung bei Dunkelheit mit der Adaption des Auges gleichgesetzt. Diese Aussage ist in diesem Zusammenhang aber nicht ganz zutreffend. Die Vergrößerung der Pupille ist primär für die maximale Austrittspupille aus dem Okular von Bedeutung. Unter der Austrittspupille (AP) wird der Lichterkegel verstanden, welcher das Okular endseitig verläßt. Je größer die Austrittspupille, desto heller erscheint ein Objekt. Es ist leicht ersichtlich, dass die Austrittspupille nicht unendlich sinnvoll vergrößert werden kann. Der maximale Durchmesser der AP sollte mit dem Durchmesser der Augenpupille identisch sein, um ein möglichst lichtstarkes Bild zu erzielen. Theoretisch kann die Austrittspupille weiter vergrößert werden, das Licht würde aber nicht mehr ins Auge gelangen und verloren gehen. Damit die Adaption richtig verstanden werden kann, müssen wir uns mit den Photorezeptoren des Auges beschäftigen, die in Stäbchen und Zäpfchen differenziert werden. Die Aktivität der Photorezeptoren, speziell die der Stäbchen, werden durch den Stoff Rhodopsin gesteuert. Rhodopsin könnte im übertragenden Sinne auch als „Sehstoff“ bezeichnet werden. Bei großer Lichtintensität werden Rhodopsinmoleküle gespalten und die Lichtempfindlichkeit des Auges nimmt ab. Während der Adaptionphase wird Rhodopsin produziert, wodurch die Lichtempfindlichkeit zunimmt. Es ist leicht ersichtlich das die Produktion von Rhodopsin länger dauert, als dessen Abbau. So gewönnen wir uns an eine helle Umgebung innerhalb weniger Sekunden. Die vollständige Anpassung des Auges an die Dunkelheit beläuft sich hingegen auf 30min – 45min. Schon der kurze Lichteinfall zum Beispiel eines Autoscheinwerfers läßt diesen Vorgang, zum Leitwesen der Amateurastronomen, von vorn beginnen. Aus diesem Grund werden bei astronomischen Beobachtungen immer lichtschwache, rote Taschenlampen verwendet. Auf diese Frequenz reagiert unser Auge am geringsten und die Dunkeladaption bleibt erhalten.
 

Das erkennen von Farben und die Auflösung

Doch warum sind nun Nachts alle Katzen grau? Um diese Volksweisheit zu verstehen, die auch für Beobachtungen von uns Amateuren wichtig ist, schauen wir uns im folgenden die schon erwähnten Photorezeptoren genauer an. Die Differenzierung zwischen Stäbchen und Zäpfchen dürfte auch jedem Nicht-Mediziner bekannt sein. Von den lichtempfindlichen Stäbchen gibt es ca. 120 Millionen auf der menschlichen Netzhaut. Sie sind vor allem für das Sehen bei Dunkelheit von Bedeutung. Diese Tatsache liegt darin begründet, dass Stäbchen mit einer relativ geringen Lichtintensität auskommen. Ein Nachteil der Stäbchen ist, das wir mit ihnen nicht in Farbe sehen können. Weiterhin leidet unter dem „Stäbchensehen“ die Schärfe der Abbildung. Diese Tatsache resultiert aus dem Aspekt, dass nicht jedes Stäbchen mit einer Nervenfaser verbunden ist. Der Computerfachmann würde von abnehmenden Pixeln sprechen. Dem gegenüber stehen die Zäpfchen von denen es lediglich 6 Millionen gibt. Sie erlauben es dem Menschen aber in Farbe zu sehen. Weiterhin ermöglichen sie das „Scharfsehen“. Zäpfchen kommen gehäuft am sogenannten Gelben Fleck vor. Hier ist jede Sehzelle mit einer Nervenfaser verbunden und die Auflösung steigt drastisch an. Diesen Zusammenhang können Sie zu Haus leicht testen. Fixieren Sie einen beliebigen Gegenstand an. Die Lichtstrahlen treffen nun primär auf den Gelben Fleck und der Gegenstand erscheint „scharf“. Details etwas außerhalb können nicht mehr scharf eingestellt werden (-> während Sie den Gegenstand weiter fixieren). Für diese Leistung der Zäpfchen muss aber genügend Licht vorhanden sein. Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt zu verstehen „Warum Nachts bekanntlich alle Katzen grau sind“. Wenig Licht aktiviert nur die Stäbchen was zur Folge hat, das wir nicht in Farbe sehen können.
Nun können wir auch verstehen, warum die allerwenigsten astronomischen Objekte auch nur einen Hauch von Farbe aufweisen. Es ist einfach zu wenig Licht vorhanden, um die Zäpfchen aktivieren zu können. 
Die untenstehende Grafik soll noch einmal die Verteilung der Photorezeptoren auf unserer Netzhaut verdeutlichen, wobei die gestrichelte Linie die Zapfen und die durchgezogene Linie die Stäbchen zeigt. Weiterhin gibt die x-Achse die Position im Auge wieder. Es ist deutlich zu erkennen, dass an der Papilla nervi opticus ( Blinder Fleck ) überhaupt keine Sehzellen vorhanden sind und am Macula lutea ( Gelber Fleck ) nur Zapfen zu identifizieren sind.

Der Praxisbezug

Auch diese schweren Fachbegriffe weisen wieder eine Ver-bindung zur Amateur-astronomie auf. Stellen wir uns einen Einsteiger vor, der M13 mit bloßem Auge beobachten möchte. Er wird versuchen genau den Punkt zu fixieren, wo er den Kugelsternhaufen vermutet. Was passiert ? 
Er wird wahrscheinlich nichts erkennen. Erfahrene Astronomen geben ihm nun den Tipp des “Indirekten Sehens”, also das Vorbeischauen am eigentlichen Objekt. Warum das Vorbeisehen am Objekt bei der Lokalisation helfen soll, können Sie in der Grafik selber erkennen. Fixiert der Beobachter ein Objekt an, so fallen alle Photonen auf den Gelben Fleck. Leider befinden sich an diesem Ort nur lichtunempfindlichen Zapfen und das wenige Licht reicht nicht aus, um diese zu aktivieren. Blickt der Beobachter nun etwas seitlich am Objekt vorbei, fallen die Lichtstrahlen auf Millionen von lichtempfindlichen Stäbchen und in unserem Beispiel wird der Kugelsternhaufen M13 zu erkennen sein. 

Ich hoffe Ihnen mit diesem Artikel einen kleinen Eindruck von der Funktionsweise unseres Auges vermittelt zu haben und dessen wichtigen Bezug zur Amateurastronomie.


 
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